Stolperstein

Stolperstein für einen Menschen mit geistiger Behinderung – ein Novum für Herzogenrath

Stolperstein

Wilhelm Schwenderling war ein achtjähriger Junge. 1932 in Herzogenrath geboren, aufgewachsen in der Bierstraße in einer so typischen Bergarbeiterfamilie dieser Epoche - mit drei Brüdern und einer Schwester. Eigentlich alles ganz normal. Doch: Wilhelm war behindert – geistig behindert.

Er geriet deshalb schnell in die Fänge der Nazis. Auch Kranke und behinderte Menschen gehörten damals zu den Verfolgten des Nationalsozialismus. Fakt: Mehr als 200.000 Menschen aus Heil- und Pflegeanstalten wurden ab 1934 ermordet. Dies geschah inmitten der Gesellschaft, verantwortet von Psychiatern, Neurologen, Kinder- und anderen Fachärzten, von Verwaltungsfachleuten und Pflegekräften.

Wilhelm wurde 1940 von der Familie getrennt und zunächst nach eingängigen Untersuchungen und dem Stempel „schwachsinnig“ in ein Kinderheim nach Mönchengladbach-Hardt gebracht. Nach drei Jahren wurde dieses Heim für verwundete Soldaten geräumt und die behinderten Kinder in eine „Heilanstalt“ nach Niedernhart bei Linz in Österreich verschleppt. Am 3. Juni 1943, etwa zwei Wochen später starb Wilhelm. Da war er 11 Jahre alt. Die Ärzte sagten, Wilhelm sei an einem Herzversagen verstorben. In Wirklichkeit aber wurde Wilhelm mit einer Giftspritze ermordet. Ein Stolperstein soll nun an das Schicksal Wilhelms erinnern.

Die vergessene Lebensgeschichte Wilhelms recherchierte die Roda-Schule, Förderschule Geistige Entwicklung in Herzogenrath. Im Rahmen eines Unterrichtsprojekts thematisierte ein Lehrer mit seinen Schülerinnen und Schülern den Nationalsozialismus und wollte dabei auch die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderung aufgreifen. Bei seinen Recherchen fand er hilfreiche Infos bei der Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet – Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ (8 bis 10/2015) im Centre Charlemagne. Die Darstellung individueller Lebensschicksale aus Aachen ermutigte den Lehrer auch in Herzogenrath zu recherchieren. Bei der Lektüre über eine Vernichtungsanstalt in Österreich fand man dann sehr schnell und zufällig einen Namen mit dem Geburtsort Herzogenrath. Mit Hilfe eines engagierten Vaters  und der Stadt Herzogenrath konnte schließlich der tragische und kurze Lebensweg von Wilhelm nachvollzogen werden. Der Stolperstein wird der erste Stolperstein für einen Menschen mit geistiger Behinderung in Herzogenrath sein und nun an Wilhelm und sein vergessenes Leben erinnern.

Die offizielle Verlegung erfolgt am 23. Juni um 11 Uhr in den Bürgersteig vor dem Haus in der Bierstraße, in dem Wilhelm früher gewohnt hatte. Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine gestaltet und inzwischen in über 1000 Orten Deutschlands und in zwanzig Ländern Europas diese verlegt hat wird leider nicht persönlich anwesend sein.

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